Zwischenbemerkung I

Ich schreibe seit fünfundzwanzig Jahren Tagebuch von Hand. Seit fünfzehn Jahren führe ich es genauer, d.h. ich benutze das gleiche Format (schwarze Moleskine Jahresbücher, jeder Tag eine Seite, möglichst genau beschreiben, was ich getan und was ich gelassen habe). Seitdem ich Becketts „Das letzte Band“ einmal in einer grandiosen Aufführung am Frankfurter Schauspielhaus sah, bin ich gewarnt: die Gefahr, anhand von Tonträgern (oder Tagebüchern) bereits Erlebtes zu kommentieren und zum Schluss nur noch den Kommentar zum Kommentar abzuliefern, ist gegeben.

Mit Jahren Abstand lese ich alte Tagebücher wieder. Entweder in der Hoffnung, über den vormaligen Deppen zu lachen und mich daran zu erfreuen, dass er in der Zwischenzeit soviel schlauer geworden ist. Oder in dem Wunsch nach Einheit, nach Wiedererkennen, nach einem Ende der Defragmentierung des Ichs. Es kann auch sein, dass diese Einheit aus Gegenwart und Vergangenheit, das Mich-Wiedererkennen, darin besteht, dass ich ebendieser Depp geblieben bin. Das ist sehr wahrscheinlich.
Was ich finde: die leidige Form des Tagebuchs: es fehlt das Du. Man schreibt ein Tagebuch nicht wie einen Brief. Man schreibt es für sich selbst: für zukünftiges Erinnern oder aus dem Misstrauen gegenüber dem eigenen Gedächtnis. Aus der Angst vor Gedächtnislücken oder vor dem Vergessen. Für den Fall, dass.

Wieviele solcher Tagebücher werden von Entrümplern gefunden, die einmal kurz Daumenkino spielen, bevor die Tagebücher zum Altpapier wandern?
Wieviele werden von den Familienangehörigen aufgehoben, bis irgendwann ein Enkel feststellt, dass Opa doch nicht der verhinderte Schriftsteller war, zu dem ihn die Familie immer gemacht hat, nur weil er so gut Anekdoten erzählen konnte und immer genau Tagebuch geführt hat?
Oder weil womöglich das Du fehlte?