Das kann ich auch! (kannst Du nicht)

Die Unverkennbarbeit der Musik von Bach, Mozart oder Abba liegt darin, dass sich ihre Musik wie an einem unendlichen Faden schier unendlich und wiedererkennbar weiterspinnen lässt. Man hört sofort: ahh! Bach! Mozart! Abba! Man hört die ihrer Musik eigenen Gesetzmäßigkeiten heraus: man glaubt, das Prinzip zu verstehen. Was hält uns noch davon ab, deren Kunstwerke im Zeitalter der technischen Produzierbarkeit fortzuführen? Eine MozApp etwa, entsprechend programmiert, in die man eingibt, was man hören will, Länge des Stückes, Instrumente, Tonart, Anzahl der Stimmen, usw.? Da nichts uns so sehr provoziert in unserer Mittelmäßigkeit wie einsames Talent und dessen Einzigartigkeit, wäre es nur gerecht, wenn wir auch das noch mit ein paar virtuellen Helferlein gewuppt bekommen.

Man vergisst aber eine Kleinigkeit. Die Gesetzmäßigkeiten, die Unverkennbarkeit ist wie eine Handschrift, die sich imitieren lässt. Aber die Wortwahl ist einzigartig: nur weil man die Handschrift beherrscht, findet man noch lange nicht die Worte.

Zwischenbemerkung I

Ich schreibe seit fünfundzwanzig Jahren Tagebuch von Hand. Seit fünfzehn Jahren führe ich es genauer, d.h. ich benutze das gleiche Format (schwarze Moleskine Jahresbücher, jeder Tag eine Seite, möglichst genau beschreiben, was ich getan und was ich gelassen habe). Seitdem ich Becketts „Das letzte Band“ einmal in einer grandiosen Aufführung am Frankfurter Schauspielhaus sah, bin ich gewarnt: die Gefahr, anhand von Tonträgern (oder Tagebüchern) bereits Erlebtes zu kommentieren und zum Schluss nur noch den Kommentar zum Kommentar abzuliefern, ist gegeben.

Mit Jahren Abstand lese ich alte Tagebücher wieder. Entweder in der Hoffnung, über den vormaligen Deppen zu lachen und mich daran zu erfreuen, dass er in der Zwischenzeit soviel schlauer geworden ist. Oder in dem Wunsch nach Einheit, nach Wiedererkennen, nach einem Ende der Defragmentierung des Ichs. Es kann auch sein, dass diese Einheit aus Gegenwart und Vergangenheit, das Mich-Wiedererkennen, darin besteht, dass ich ebendieser Depp geblieben bin. Das ist sehr wahrscheinlich.
Was ich finde: die leidige Form des Tagebuchs: es fehlt das Du. Man schreibt ein Tagebuch nicht wie einen Brief. Man schreibt es für sich selbst: für zukünftiges Erinnern oder aus dem Misstrauen gegenüber dem eigenen Gedächtnis. Aus der Angst vor Gedächtnislücken oder vor dem Vergessen. Für den Fall, dass.

Wieviele solcher Tagebücher werden von Entrümplern gefunden, die einmal kurz Daumenkino spielen, bevor die Tagebücher zum Altpapier wandern?
Wieviele werden von den Familienangehörigen aufgehoben, bis irgendwann ein Enkel feststellt, dass Opa doch nicht der verhinderte Schriftsteller war, zu dem ihn die Familie immer gemacht hat, nur weil er so gut Anekdoten erzählen konnte und immer genau Tagebuch geführt hat?
Oder weil womöglich das Du fehlte?

Based on an incredible real story

Bei Generationen von Kriegsfotografen, passionierten Hobbyfotografen und Museumsgängern hat Robert Capa einen tiefen Eindruck hinterlassen. Er war der erste Kriegsreporter, der alles richtig machte. Er hatte Mut, die richtige Perspektive und er war ein Lebemann, der rechtzeitig starb. Robert Capa war vierzig Jahre alt, als er im Mai 1954 in Indochina in der Provinz Thái Binh zu den Mitgliedern einer französischen Kompagnie sagte:
„Ich gehe ein Stück. Sagt mir, wenn es weitergeht.“
Er war dann mal weg. Er stieg auf eine Mine, die ihn in der Luft zerriss.

Robert Capa war eigentlich alles, was man gerne sein möchte, wenn es einen zwickt und man denkt, das eigene Leben sei inzwischen viel zu bequem, virtuell und arm an Ereignissen geworden. Atemlosigkeit des Kriegsgeschehens und Unmittelbarkeit brachte er gekonnt verwackelt auf das Bild. Manchmal half ihm der Zufall: etwa in Person eines unbedarften Laboranten in London, der Capas Bilder von der Landung der Alliierten in der Normandie falsch entwickelte und die Mehrzahl der rund siebzig Bilder zerstörte. Übrig blieben elf: der Hitzefilm auf den Negativen lässt die Bilder im Nachhinein wie die action an vorderster Front wirken. Man sieht die Kugeln pfeifen. Robert Capa war dabei. War er ja auch.

Oder der spanische Republikaner, den Capa im September 1936 bat, in einer nicht sehr fotogenen Kampfpause etwas Bürgerkrieg zu simulieren und der durch seine Schüsse in den blanken andalusischen Himmel erst die gegnerischen Frankisten anlockte: der berühmte Schuss in seinen Kopf, den Capa genau im Moment des Eintritts der Kugel in den Schädel festhielt, wäre ohne die Trockenübung womöglich nie zu sehen gewesen. Der Republikaner hätte wahrscheinlich weitergelebt, wenn auch weniger prominent.

Capa sagte: „Nenne dich nie einen Künstler. Nenne dich immer einen Dokumentarfotografen.“ Er hatte früh verstanden, dass es einer wirkungsvollen Lüge bedarf, um es weiter zu bringen, als ihn sein richtiger Name – Endre Ernő Friedmann – in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts getan hätte. Als Kunstfigur kam er bis ins Bett von Ingrid Bergmann. Auch in diesem Sinn war er einer der ersten embedded photographers.

Aber wie kann das angehen: dass uns eine Kunstfigur erklärt: „Die Wahrheit ist das beste Bild“? Oder: „Wenn deine Bilder nicht gut sind, warst du nicht nah genug?“ Gibt es ein Foto von der Lüge? Gibt es ein Foto vom Bild hinter dem Bild? Doch wie spannend, wie ergreifend wäre das? Etwa so spannend wie der gekrümmte Rücken des Fotografen und sein von einem Monitor bläulich-blass beleuchtetes Gesicht, wie er am Computer seine Aufnahme photoshoppt? Oder eines des Fotolaboranten in London, der im rötlichen Dunkelkammerlicht Capas mutige Aufnahmen vom D-Day verschusselt? Wie lässt sich eine Wahrheit fotografisch umsetzen? Und ist denn nicht gerade das der Anspruch des Dokumentarfotografen? Aber wo bleibt sie: jene Wahrheit, die immer das erste Opfer des Krieges ist?

„Ich gehe ein Stück. Sagt mir, wenn es weitergeht“. Niemand, der mit ihm ging. Niemand, der mit der Kamera dabei war, als er auf die Mine trat. Niemand, der im richtigen Augenblick, Millisekunden vor der Explosion, mit dem Zeigefinger den Auslöser der Rolleiflex oder Leica hinunterdrückte und den Tod des Fotografen dokumentierte. Er starb als Legende: Frackzwang des wirklich guten Kriegsreporters, der sich für die Wahrheit des Krieges aufopfert.

Warum möchte ich der Wahrheit zuliebe eher daran glauben, dass ihn durch eine unglückliche Verkettung von Umständen mitten auf dem Feld der Provinz von Thái Binh ein massiver Reiskocher aus heiterem Himmel auf den Kopf fiel?
Davon hat Robert Capa leider kein Foto mehr gemacht.

Ein kleines Band. Ein ganzes Land

Die Gepäckausgabe in Friedrichshafen verzögert sich. Die Maschine aus Frankfurt ist gerade gelandet. Wir stehen um das Band in Erwartung der Koffer, die wir das letzte Mal in Shanghai, Bangkok oder Lissabon gesehen haben. Um das Band stehen größtenteils Angestellte mittelständischer schwäbischer Unternehmen in Poloshirts mit Firmenaufdruck. Das ist praktisch: die Firma stellt auch noch die Freizeitpolos zur Verfügung: die Uniformierung der Freizeit einhergehend mit permanenter Erreichbarkeit. Yes mir are twenty-four seven.
Die Gesichter der Wartenden sehen so derb aus wie ein schwäbischer Vokal klingt: gedrungen, gequetscht, vorzeitig abgerundet wie mit minimaler Knautschzone.

Der Fluch des Schwaben liegt in seiner Tüchtigkeit und Organisiertheit. Während Kolumbus 1492 mit der Insel Karibikinsel San Salvador Amerika entdeckte, führte die Stadt Stuttgart gerade die Kehrwoche ein. Warum in die Ferne schweifen, wenn der Müll zu Hause noch nicht einmal aufgeräumt (geschweige denn getrennt) ist? Wer spricht denn von neuen Kontinentle, wenn sich noch zu Hause etwas verbessern lässt? Die Welt braucht Visionen: dem Schwob reichen Visiönle. Und ist er damit etwa nicht erfolgreich?
Längst denkt auch der Schwabe über seine Grenzen hinaus, denn er ist vollglobalisiert. Die Produktionsstätten seiner Firma sind nach China, nach Vietnam oder in die Türkei verlagert worden. Aber gegessen wird immer noch dahoim, und nichts geht über einen Wutanfall auf Schwäbisch über die derzeitige Weltenlage.

Insofern wundert es nicht, als nach fünf Minuten die ersten am Gepäckband zu murren beginnen und ihr Unverständnis darüber zeigen, dass für die lächerlichen fünfzig Meter zwischen Cityline-Jet und dem Gepäckband die Flughafenmitarbeiter nicht den kürzesten, schnellsten, logischsten Weg von A nach B wählen: die gerade Linie. Erst wird mit den Füßen gescharrt: die, die direkt an der quadratischen Öffnung zum Vorfeld stehen und aus Erfahrung wissen, in welche Richtung sich das Band in Bewegung setzen wird und den Koffer direkt nach der Ausladung abreifen und losrollen, vorausgesetzt er trägt das priority label, worauf sie aber den Flughafenmitarbeiter in Nanjing, Ho Chi Minh City oder Istanbul hingewiesen haben werden. Aber noch stehen sie dort und warten auf den Koffer, warten auf das Band, das sich nicht dreht. Kann das denn sein, dass das heute so lange dauert? Man schaut sich an, sucht Rückversicherung in geteiltem Unmut, geteilter Empörung. Man schaukelt sich gemeinsam hoch. Das dauert doch sonst auch nicht so lange…also in Tokio, da säße man bereits im Taxi…und Haneda sei schließlich etwas größer als Friedrichshafen…je mehr Zeit vergeht, desto pessimistischer wird’s…ist alles nicht mehr so…und dann, endlich, wagt einer den großen Sprung in den Vergleich: er habe den Eindruck, dass das immer schlimmer werde in Deutschland. Hier werde nicht mehr on-time geliefert. Und woran liegt das?
In letzter Konsequenz ist davon auszugehen, dass die Regierungsmiglieder persönlich die Koffer ausladen und auf das Band wuchten. Oder eben nicht.

Endlich, einundzwanzig Minuten nach Ankunft, setzt sich das schwarze Hartgummiband in Bewegung. Erst ertönt ein nerviges, vorschriftsmäßiges Tüten, das vor dem Anlaufen des Gepäckbandes warnen soll und zugleich die Diskussion beendet. Es dreht sich, endlich geht es wieder weiter, die ersten Koffer tauchen aus der Luke aus, Rimowa Aluminium mit Dellen und Kratzspuren, je oller, je doller: in der Welt des schwäbischen Vielfliegers ist das die einzige Beschädigung, zu der er gerne steht.
Weil sie so nach großer weiter Welt aussieht?