Ein kleines Band. Ein ganzes Land

Die Gepäckausgabe in Friedrichshafen verzögert sich. Die Maschine aus Frankfurt ist gerade gelandet. Wir stehen um das Band in Erwartung der Koffer, die wir das letzte Mal in Shanghai, Bangkok oder Lissabon gesehen haben. Um das Band stehen größtenteils Angestellte mittelständischer schwäbischer Unternehmen in Poloshirts mit Firmenaufdruck. Das ist praktisch: die Firma stellt auch noch die Freizeitpolos zur Verfügung: die Uniformierung der Freizeit einhergehend mit permanenter Erreichbarkeit. Yes mir are twenty-four seven.
Die Gesichter der Wartenden sehen so derb aus wie ein schwäbischer Vokal klingt: gedrungen, gequetscht, vorzeitig abgerundet wie mit minimaler Knautschzone.

Der Fluch des Schwaben liegt in seiner Tüchtigkeit und Organisiertheit. Während Kolumbus 1492 mit der Insel Karibikinsel San Salvador Amerika entdeckte, führte die Stadt Stuttgart gerade die Kehrwoche ein. Warum in die Ferne schweifen, wenn der Müll zu Hause noch nicht einmal aufgeräumt (geschweige denn getrennt) ist? Wer spricht denn von neuen Kontinentle, wenn sich noch zu Hause etwas verbessern lässt? Die Welt braucht Visionen: dem Schwob reichen Visiönle. Und ist er damit etwa nicht erfolgreich?
Längst denkt auch der Schwabe über seine Grenzen hinaus, denn er ist vollglobalisiert. Die Produktionsstätten seiner Firma sind nach China, nach Vietnam oder in die Türkei verlagert worden. Aber gegessen wird immer noch dahoim, und nichts geht über einen Wutanfall auf Schwäbisch über die derzeitige Weltenlage.

Insofern wundert es nicht, als nach fünf Minuten die ersten am Gepäckband zu murren beginnen und ihr Unverständnis darüber zeigen, dass für die lächerlichen fünfzig Meter zwischen Cityline-Jet und dem Gepäckband die Flughafenmitarbeiter nicht den kürzesten, schnellsten, logischsten Weg von A nach B wählen: die gerade Linie. Erst wird mit den Füßen gescharrt: die, die direkt an der quadratischen Öffnung zum Vorfeld stehen und aus Erfahrung wissen, in welche Richtung sich das Band in Bewegung setzen wird und den Koffer direkt nach der Ausladung abreifen und losrollen, vorausgesetzt er trägt das priority label, worauf sie aber den Flughafenmitarbeiter in Nanjing, Ho Chi Minh City oder Istanbul hingewiesen haben werden. Aber noch stehen sie dort und warten auf den Koffer, warten auf das Band, das sich nicht dreht. Kann das denn sein, dass das heute so lange dauert? Man schaut sich an, sucht Rückversicherung in geteiltem Unmut, geteilter Empörung. Man schaukelt sich gemeinsam hoch. Das dauert doch sonst auch nicht so lange…also in Tokio, da säße man bereits im Taxi…und Haneda sei schließlich etwas größer als Friedrichshafen…je mehr Zeit vergeht, desto pessimistischer wird’s…ist alles nicht mehr so…und dann, endlich, wagt einer den großen Sprung in den Vergleich: er habe den Eindruck, dass das immer schlimmer werde in Deutschland. Hier werde nicht mehr on-time geliefert. Und woran liegt das?
In letzter Konsequenz ist davon auszugehen, dass die Regierungsmiglieder persönlich die Koffer ausladen und auf das Band wuchten. Oder eben nicht.

Endlich, einundzwanzig Minuten nach Ankunft, setzt sich das schwarze Hartgummiband in Bewegung. Erst ertönt ein nerviges, vorschriftsmäßiges Tüten, das vor dem Anlaufen des Gepäckbandes warnen soll und zugleich die Diskussion beendet. Es dreht sich, endlich geht es wieder weiter, die ersten Koffer tauchen aus der Luke aus, Rimowa Aluminium mit Dellen und Kratzspuren, je oller, je doller: in der Welt des schwäbischen Vielfliegers ist das die einzige Beschädigung, zu der er gerne steht.
Weil sie so nach großer weiter Welt aussieht?

Autor: Gleichstromland

Vieles bewegt mich. Vieles interessiert mich. Wenn es zum Auffinden des Ichs hilfreich ist, erfinde ich mich auch mal anders.

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