Im Angebot: Sauce hollandaise

Regulär abgewählte Staatsoberhäupter haben, wenn sich die Euphorie über den Wechsel erst einmal gelegt hat und ihre Rente so sicher ist, dass sie sich nicht in der Wirtschaft andingen müssen, einen großen Vorteil: sie müssen nur noch auf die Altersweisheit warten. Das dauert meistens ein paar Jahre, während derer sie die Distanz vom Amt zelebrieren können. Wenn sie sich nur selbstdiszipliniert lange genug den Mund verbieten, kommt man früher oder später zu der Einsicht, dass eigentlich nie etwas besser wird. Man denkt nostalgisch: siehste! mit dem wäre es doch besser geblieben. Helmut Schmidt etwa musste nur Mentholzigaretten rauchen: das reichte als symbolische Geste, um die ganze Republik zu benebeln und um zu veranschaulichen, wie sehr political correctness und Rauchverbot unsere intellektuelle Freiheit eingeschränkt haben. Selbst George W. Bush, der im Irak und dem Mittleren Osten auf seiner vergeblichen Suche nach Massenvernichtungswaffen großen dauerhaften Flurschaden angerichtet hat, erfreut sich dieser Tage an hochsommerlichen Sympathiewerten in Europa. Zumindest ist man sich sicher: mit ihm wäre es weniger schlimm geblieben.

Der ehemalige französische Präsident François Hollande tourt derzeit mit seinem Buch Les leçons du pouvoir (auf Deutsch: Die Lehren der Macht) durch die französische Provinz. Es muss ihn sehr schnell gejuckt haben, anderthalb Jahre nach seinem Verzicht auf eine erneute Kandidatur eine Bilanz zu ziehen und die fünf Jahre Präsidentschaft wie einen Schwamm auf ihren Erkenntnisgewinn hin auszupressen, bevor ihn das kollektive Gewissen der Grande Nation als glücklosen Bürgerpräsidenten undankbar gelocht und abgeheftet hat.

Mit dreiundsechzig Jahren ist er eigentlich noch etwas zu jung und fast zu quirlig für einen ehemaligen Präsidenten. Trotz augenscheinlichen Charmes und bezeugten Esprits seiner Lebenspartnerin, der Schauspielerin und Regisseurin Julie Gayet, scheint François Hollande nicht ausgelastet zu sein. Er will es noch einmal wissen und geht mit seinem Oeuvre auf Nahkampf in die französische Provinz. So hat er etwa am 13. Mai in einem großen Leclerc Supermarkt in Plérin, Départment Côtes-d’Armor in der Bretagne aus dem Buch gelesen und bis 2 Uhr Nachts Widmungen geschrieben. Ein ehemaliger Präsident zum Anfassen zwischen Tiefkühlkost und Bonne Maman: endlich wieder Normalo geworden, der seinen Mitbürgern jetzt erzählt, wie es so war im Elysée Palast und wie schlecht der Nachfolger das Land managt.

Der bisher so makellose Präsident Emmanuel Macron wird 2027 neunundvierzig Jahre alt sein. Sollte er 2022 wiedergewählt werden und seine Finger von der Verfassung lassen, ist spätestens 2027 auch für ihn Schluss. Wenn er sich gut hält, könnte er sich noch als James Bond anheuern und auch als Schauspieler die Welt, zumindest Europa retten. Das wäre neu. Dass Schauspieler auch Präsidenten können, hat Ronald Reagan bereits bewiesen. Aber ob das auch umgekehrt geht? Es könnte aber auch sein, dass Macron 2027 trotz seiner soliden Qualifikation als 007 nicht zum Zug kommen wird, weil es in Zukunft, der Quote und #MeToo geschuldet, heißen wird:

„Mein Name ist Bond. Jane Bond.“

Mit Sicherheit aber wird Emmanuel Macron eines nicht tun: Regale im Leclerc in Plérin auffüllen.

Autor: Gleichstromland

Vieles bewegt mich. Vieles interessiert mich. Wenn es zum Auffinden des Ichs hilfreich ist, erfinde ich mich auch mal anders.

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