Based on an incredible real story

Bei Generationen von Kriegsfotografen, passionierten Hobbyfotografen und Museumsgängern hat Robert Capa einen tiefen Eindruck hinterlassen. Er war der erste Kriegsreporter, der alles richtig machte. Er hatte Mut, die richtige Perspektive und er war ein Lebemann, der rechtzeitig starb. Robert Capa war vierzig Jahre alt, als er im Mai 1954 in Indochina in der Provinz Thái Binh zu den Mitgliedern einer französischen Kompagnie sagte:
„Ich gehe ein Stück. Sagt mir, wenn es weitergeht.“
Er war dann mal weg. Er stieg auf eine Mine, die ihn in der Luft zerriss.

Robert Capa war eigentlich alles, was man gerne sein möchte, wenn es einen zwickt und man denkt, das eigene Leben sei inzwischen viel zu bequem, virtuell und arm an Ereignissen geworden. Atemlosigkeit des Kriegsgeschehens und Unmittelbarkeit brachte er gekonnt verwackelt auf das Bild. Manchmal half ihm der Zufall: etwa in Person eines unbedarften Laboranten in London, der Capas Bilder von der Landung der Alliierten in der Normandie falsch entwickelte und die Mehrzahl der rund siebzig Bilder zerstörte. Übrig blieben elf: der Hitzefilm auf den Negativen lässt die Bilder im Nachhinein wie die action an vorderster Front wirken. Man sieht die Kugeln pfeifen. Robert Capa war dabei. War er ja auch.

Oder der spanische Republikaner, den Capa im September 1936 bat, in einer nicht sehr fotogenen Kampfpause etwas Bürgerkrieg zu simulieren und der durch seine Schüsse in den blanken andalusischen Himmel erst die gegnerischen Frankisten anlockte: der berühmte Schuss in seinen Kopf, den Capa genau im Moment des Eintritts der Kugel in den Schädel festhielt, wäre ohne die Trockenübung womöglich nie zu sehen gewesen. Der Republikaner hätte wahrscheinlich weitergelebt, wenn auch weniger prominent.

Capa sagte: „Nenne dich nie einen Künstler. Nenne dich immer einen Dokumentarfotografen.“ Er hatte früh verstanden, dass es einer wirkungsvollen Lüge bedarf, um es weiter zu bringen, als ihn sein richtiger Name – Endre Ernő Friedmann – in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts getan hätte. Als Kunstfigur kam er bis ins Bett von Ingrid Bergmann. Auch in diesem Sinn war er einer der ersten embedded photographers.

Aber wie kann das angehen: dass uns eine Kunstfigur erklärt: „Die Wahrheit ist das beste Bild“? Oder: „Wenn deine Bilder nicht gut sind, warst du nicht nah genug?“ Gibt es ein Foto von der Lüge? Gibt es ein Foto vom Bild hinter dem Bild? Doch wie spannend, wie ergreifend wäre das? Etwa so spannend wie der gekrümmte Rücken des Fotografen und sein von einem Monitor bläulich-blass beleuchtetes Gesicht, wie er am Computer seine Aufnahme photoshoppt? Oder eines des Fotolaboranten in London, der im rötlichen Dunkelkammerlicht Capas mutige Aufnahmen vom D-Day verschusselt? Wie lässt sich eine Wahrheit fotografisch umsetzen? Und ist denn nicht gerade das der Anspruch des Dokumentarfotografen? Aber wo bleibt sie: jene Wahrheit, die immer das erste Opfer des Krieges ist?

„Ich gehe ein Stück. Sagt mir, wenn es weitergeht“. Niemand, der mit ihm ging. Niemand, der mit der Kamera dabei war, als er auf die Mine trat. Niemand, der im richtigen Augenblick, Millisekunden vor der Explosion, mit dem Zeigefinger den Auslöser der Rolleiflex oder Leica hinunterdrückte und den Tod des Fotografen dokumentierte. Er starb als Legende: Frackzwang des wirklich guten Kriegsreporters, der sich für die Wahrheit des Krieges aufopfert.

Warum möchte ich der Wahrheit zuliebe eher daran glauben, dass ihn durch eine unglückliche Verkettung von Umständen mitten auf dem Feld der Provinz von Thái Binh ein massiver Reiskocher aus heiterem Himmel auf den Kopf fiel?
Davon hat Robert Capa leider kein Foto mehr gemacht.

Ein kleines Band. Ein ganzes Land

Die Gepäckausgabe in Friedrichshafen verzögert sich. Die Maschine aus Frankfurt ist gerade gelandet. Wir stehen um das Band in Erwartung der Koffer, die wir das letzte Mal in Shanghai, Bangkok oder Lissabon gesehen haben. Um das Band stehen größtenteils Angestellte mittelständischer schwäbischer Unternehmen in Poloshirts mit Firmenaufdruck. Das ist praktisch: die Firma stellt auch noch die Freizeitpolos zur Verfügung: die Uniformierung der Freizeit einhergehend mit permanenter Erreichbarkeit. Yes mir are twenty-four seven.
Die Gesichter der Wartenden sehen so derb aus wie ein schwäbischer Vokal klingt: gedrungen, gequetscht, vorzeitig abgerundet wie mit minimaler Knautschzone.

Der Fluch des Schwaben liegt in seiner Tüchtigkeit und Organisiertheit. Während Kolumbus 1492 mit der Insel Karibikinsel San Salvador Amerika entdeckte, führte die Stadt Stuttgart gerade die Kehrwoche ein. Warum in die Ferne schweifen, wenn der Müll zu Hause noch nicht einmal aufgeräumt (geschweige denn getrennt) ist? Wer spricht denn von neuen Kontinentle, wenn sich noch zu Hause etwas verbessern lässt? Die Welt braucht Visionen: dem Schwob reichen Visiönle. Und ist er damit etwa nicht erfolgreich?
Längst denkt auch der Schwabe über seine Grenzen hinaus, denn er ist vollglobalisiert. Die Produktionsstätten seiner Firma sind nach China, nach Vietnam oder in die Türkei verlagert worden. Aber gegessen wird immer noch dahoim, und nichts geht über einen Wutanfall auf Schwäbisch über die derzeitige Weltenlage.

Insofern wundert es nicht, als nach fünf Minuten die ersten am Gepäckband zu murren beginnen und ihr Unverständnis darüber zeigen, dass für die lächerlichen fünfzig Meter zwischen Cityline-Jet und dem Gepäckband die Flughafenmitarbeiter nicht den kürzesten, schnellsten, logischsten Weg von A nach B wählen: die gerade Linie. Erst wird mit den Füßen gescharrt: die, die direkt an der quadratischen Öffnung zum Vorfeld stehen und aus Erfahrung wissen, in welche Richtung sich das Band in Bewegung setzen wird und den Koffer direkt nach der Ausladung abreifen und losrollen, vorausgesetzt er trägt das priority label, worauf sie aber den Flughafenmitarbeiter in Nanjing, Ho Chi Minh City oder Istanbul hingewiesen haben werden. Aber noch stehen sie dort und warten auf den Koffer, warten auf das Band, das sich nicht dreht. Kann das denn sein, dass das heute so lange dauert? Man schaut sich an, sucht Rückversicherung in geteiltem Unmut, geteilter Empörung. Man schaukelt sich gemeinsam hoch. Das dauert doch sonst auch nicht so lange…also in Tokio, da säße man bereits im Taxi…und Haneda sei schließlich etwas größer als Friedrichshafen…je mehr Zeit vergeht, desto pessimistischer wird’s…ist alles nicht mehr so…und dann, endlich, wagt einer den großen Sprung in den Vergleich: er habe den Eindruck, dass das immer schlimmer werde in Deutschland. Hier werde nicht mehr on-time geliefert. Und woran liegt das?
In letzter Konsequenz ist davon auszugehen, dass die Regierungsmiglieder persönlich die Koffer ausladen und auf das Band wuchten. Oder eben nicht.

Endlich, einundzwanzig Minuten nach Ankunft, setzt sich das schwarze Hartgummiband in Bewegung. Erst ertönt ein nerviges, vorschriftsmäßiges Tüten, das vor dem Anlaufen des Gepäckbandes warnen soll und zugleich die Diskussion beendet. Es dreht sich, endlich geht es wieder weiter, die ersten Koffer tauchen aus der Luke aus, Rimowa Aluminium mit Dellen und Kratzspuren, je oller, je doller: in der Welt des schwäbischen Vielfliegers ist das die einzige Beschädigung, zu der er gerne steht.
Weil sie so nach großer weiter Welt aussieht?

Im Angebot: Sauce hollandaise

Regulär abgewählte Staatsoberhäupter haben, wenn sich die Euphorie über den Wechsel erst einmal gelegt hat und ihre Rente so sicher ist, dass sie sich nicht in der Wirtschaft andingen müssen, einen großen Vorteil: sie müssen nur noch auf die Altersweisheit warten. Das dauert meistens ein paar Jahre, während derer sie die Distanz vom Amt zelebrieren können. Wenn sie sich nur selbstdiszipliniert lange genug den Mund verbieten, kommt man früher oder später zu der Einsicht, dass eigentlich nie etwas besser wird. Man denkt nostalgisch: siehste! mit dem wäre es doch besser geblieben. Helmut Schmidt etwa musste nur Mentholzigaretten rauchen: das reichte als symbolische Geste, um die ganze Republik zu benebeln und um zu veranschaulichen, wie sehr political correctness und Rauchverbot unsere intellektuelle Freiheit eingeschränkt haben. Selbst George W. Bush, der im Irak und dem Mittleren Osten auf seiner vergeblichen Suche nach Massenvernichtungswaffen großen dauerhaften Flurschaden angerichtet hat, erfreut sich dieser Tage an hochsommerlichen Sympathiewerten in Europa. Zumindest ist man sich sicher: mit ihm wäre es weniger schlimm geblieben.

Der ehemalige französische Präsident François Hollande tourt derzeit mit seinem Buch Les leçons du pouvoir (auf Deutsch: Die Lehren der Macht) durch die französische Provinz. Es muss ihn sehr schnell gejuckt haben, anderthalb Jahre nach seinem Verzicht auf eine erneute Kandidatur eine Bilanz zu ziehen und die fünf Jahre Präsidentschaft wie einen Schwamm auf ihren Erkenntnisgewinn hin auszupressen, bevor ihn das kollektive Gewissen der Grande Nation als glücklosen Bürgerpräsidenten undankbar gelocht und abgeheftet hat.

Mit dreiundsechzig Jahren ist er eigentlich noch etwas zu jung und fast zu quirlig für einen ehemaligen Präsidenten. Trotz augenscheinlichen Charmes und bezeugten Esprits seiner Lebenspartnerin, der Schauspielerin und Regisseurin Julie Gayet, scheint François Hollande nicht ausgelastet zu sein. Er will es noch einmal wissen und geht mit seinem Oeuvre auf Nahkampf in die französische Provinz. So hat er etwa am 13. Mai in einem großen Leclerc Supermarkt in Plérin, Départment Côtes-d’Armor in der Bretagne aus dem Buch gelesen und bis 2 Uhr Nachts Widmungen geschrieben. Ein ehemaliger Präsident zum Anfassen zwischen Tiefkühlkost und Bonne Maman: endlich wieder Normalo geworden, der seinen Mitbürgern jetzt erzählt, wie es so war im Elysée Palast und wie schlecht der Nachfolger das Land managt.

Der bisher so makellose Präsident Emmanuel Macron wird 2027 neunundvierzig Jahre alt sein. Sollte er 2022 wiedergewählt werden und seine Finger von der Verfassung lassen, ist spätestens 2027 auch für ihn Schluss. Wenn er sich gut hält, könnte er sich noch als James Bond anheuern und auch als Schauspieler die Welt, zumindest Europa retten. Das wäre neu. Dass Schauspieler auch Präsidenten können, hat Ronald Reagan bereits bewiesen. Aber ob das auch umgekehrt geht? Es könnte aber auch sein, dass Macron 2027 trotz seiner soliden Qualifikation als 007 nicht zum Zug kommen wird, weil es in Zukunft, der Quote und #MeToo geschuldet, heißen wird:

„Mein Name ist Bond. Jane Bond.“

Mit Sicherheit aber wird Emmanuel Macron eines nicht tun: Regale im Leclerc in Plérin auffüllen.